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Sommer…



'Erinnerst Du dich noch, wie wir als Kinder in diesem Garten herumgetollt sind? Wie wir, wenn die Obrigkeit nicht gerade in der Stadt gewesen, wir den ganzen Park mit all seinen Wegen, den Bäumen und auch dem Wasser für uns allein haben konnten?'
'Ja. Es war herrlich. Vor allem die Kindergeburtstage ihrer Kleinsten auf denen wir mit dabei sein durften.'

Es war nämlich Tradition gewesen, dass den Jüngsten der Gärtner und manchmal auch den Kindern eines Vater gewordenen Stallknechts gewisse Privilegien eingeräumt wurden, wenn diese von den Emporkömmlingen akzeptiert waren. Eine solche gute Freundschaft hatte sich auch später oft noch ausgezahlt, erzählte Großvater gern.

Er genoss seit je her die idyllische Ruhe hier und da seine Beweglichkeit gottlob durch seinen Schlaganfall nicht beeinträchtigt worden war, zog es ihn nach wie vor bei jedem Wetter an diesen Ort.

'An den Kinder-Geburtstagen mussten wir uns nicht ganz so bedeckt halten, wie wenn wir während des Jahres über hierher kamen. Viele dieser Bäume haben ihre eigene Geschichte, so viele, dass ich mir gar nicht sicher bin, ob ich dir schon alle habe erzählen können.' - 'Das macht gar nichts. Irgendwie war ich immer glücklich darüber gewesen, von dir meine Lieblingsgeschichte zu hören.' -
'Mei'n Jung, du meinst sicherlich die, von der ich dir immer versprechen musste, dass du ein wenig mehr davon erfährst wie es im Detail gewesen ist, wenn du älter bist, bist du dann alt genug wärst alles im Ganzen zu erfahren…'

Der Vorplatz bot wenig Raum für ein Versteckspiel und meist war auch im oberen Geschoß ein Diener postiert, der dem blauen Blut eine unvorteilhaften Vorteil verschaffte. Gar nicht selten wurde eine Erzählung durch eine solch ärgerliche Erinnerung daran unterbrochen, wie ein Hustenanfall polterten plötzlich ein Schwall von Obszönitäten aus dem alten Mann, der das eine oder andere mal beruhigt werden musste, bevor er sich wieder gefangen hatte.

'Meine Haare waren damals nicht so weiß wie heute. Ein schönes dunkles Braun das schmückte mich in dicken festen Locken, um die man mich beneidete. Bis jeweils zu dem Tag, da die Pracht der Mutter Schere abermals zum Opfer viel.'

Die Jungens beneideten ihn deshalb so sehr darum, weil er ihm half, spielerisch die jungen Mädchen um den Finger zu wickeln, für die es die reinste Wonne war mit ihren Fingern diese, in die eine oder andere Richtung zu biegen, ihrer Kunstfertigkeit sich ganz und gar hinzugeben.

'Genau hier von diesem Punkt, da ging es immer los. 2 Teams wurden gelost, bei einer ungeraden Zahl gab es immer einen Fänger mehr. Mit dem blonden Teufel in einer Mannschaft zu sein war immer von Nachteil, aber das weißt du eh alles schon.'

Der Blonde Teufel war ein Mädchen, das ihn 7 Monate überragte und von ihren Eltern und der Dienerschaft der Blonde Engel gerufen wurde. Teufel schimpften sie sie wegen ihrer krätzigen, manchmal wahrlich unberechenbaren Art. Auch war sie durch ihre helle Mähne leicht auszumachen, als Jäger so wie auch als Gejagte.

'Diese Dreiergruppe Bäume war mein Lieblingsversteck gewesen. Man konnte die anderen so herrlich an der Nase herumführen und viele Male sind sie nur knapp an mir vorbeigelaufen und haben mich dennoch nicht erwischt. Heutzutage sind so viele Leute hier, dass es sicherlich keinen Spass mehr macht, Verstecken hier zu spielen. Die vielen Leute hier bieten schon viel zu viel Deckung und dann muss man immer aufpassen, sie nicht umzurennen - nein, das wäre sicher kein Spass mehr.' - 'Aber an Tagen so wie diesen?'

'Vielleicht… Siehst du die kleine Gondel dort?' - 'Ja?'
'Wenn gerade eine solche fuhr, stand meist ein Jüngling drauf und übte sich in Gesang und Leier. Ein Grinsen war oft kaum noch zu verhehlen, ein Lacher tödlich. Ein gutes Versteck von dem man einen guten Blick auf die Wasseranlage hatte war sehr von Vorteil.' - 'Das kann ich mir gut vorstellen. Hatten sich Gesang und Leierspiel denn nicht verbessert?'

'Das weiß ich nicht mehr. Weiß nicht mehr, ob Zuhörer oder der Übende mehr Geduld hat aufbringen müssen… Die besten Verstecke waren die die kein Mensch kannte, die man irgendwann freiwillig verlassen musst, um den Spielspass der anderen nicht völlig zu verderben. Mit der Zeit wurde auch der blonde Teufel besser und jeder konnte dem anderen oft neue gute Verstecke zeigen. Komischer Weise waren gerade wir recht kreativ und nur wir beide kannten diese wie uns bald bewusst war.'

Großvater wusste Geschichten zu erzählen. Die eine habe ich bis heute nicht erfahren, es waren immer nur Andeutungen, Vorgeschichten die es dem Zuhörer überhaupt erst möglich machten, das eigentliche Ereignis zu verstehen. Die Vokabel zu erfühlen ist hier wohl angebrachter zu platzieren…

'Der Baum hier ward gefällt als ich nach meinen 2 Jahren Reise wiederkehrte. Er sei krank gewesen, hieß es und hätte gefällt werden müssen. Nach meiner Rückkehr wurde es mir nicht leicht gemacht an diese Stelle im Garten zu gelangen. Es war ein prächtiger Baum dessen Krone mir und meiner Spielgefährtin nicht nur beim Verstecken einen hervorragenden Unterschlupf bot.' - 'Genau hier? Warum bist du dir so sicher?'
'Kein anderer Ort in diesem Garten bot einen besseren toten Winkel, ohne nahende Gefahr zu übersehen. Es war ein besonders heißer Sommer, wir hielten uns gern im Park im Schutz der Bäume auf, wenn sich die Möglichkeit dazu bot.'

Etwas veränderte sich, die Stimme des alten Mannes war fast ein wenig brüchig geworden. Die leichten Schweißperlen auf der Stirn waren angesichts der sommerlichen Hitze nicht ungewöhnlich.

'Sollen wir umkehren? Geht es dir gut?' - 'Alles in Ordnung, bin nicht mehr der Jüngste. Eine kleine Pause wird mir gut tun, das Wetter macht mir mehr, als ich mir zugestehen will, zu schaffen. Lass uns weitergehen, den Ort für heute hier verlassen.
Ich habe sie nie wieder gesehen. Dieser Sommer stellte den Höhepunkt unserer Beziehung dar und ich weiß nicht einmal was mit ihr passiert ist.'

Schweigend gingen wir aufs Schloss gewandt zurück, jeder in seine Gedanken versunken. Traute mich nicht mehr zu fragen…
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