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Für eine Welt, in der es uns gefällt.

Es ist warm geworden. War es schon am Wochenende. Es ist noch immer nass und regnet, wenn man keinen Schirm dabei hat. Regenschirmbesitzer wiederum, fürchten den Regen wie das Feuer und fahren für sich den kostbaren Stecken ganz ungeniert auf engstem Raum gleich auf der Rolltreppe aus, ehe sie einen Zipfel Himmel sichten können. Selbstlos wie sie sind, ist es nur selbstverständlich, auch ihren Regenschirm nicht zu arg in Anspruch zu nehmen. Das Trotuar ist nass, sicher trocken der Schirmherr unter den Arkaden, standhaft sein Reich beherrschend abgrenzen schaut er auf zahllose nasse Passanten, die keinen Durchschlupf ins Trockene durch die spalierstehende Regenschirm-Union sehen. Bedauernswerte Geschöpfe, die ohne Regenschirm ausgestattet, sich gerade von diesem sintflutartigen Platzregen erwischen haben lassen. Jaja, das bringt der Sommer halt so mit sich…

Durch die Fenster letzte zögerliche Tropfen.
Steige aus der dampfenden Tram aus, ein kleiner Spaziergang kann nicht schaden. Die üblichen Verdächtigen plappern, feixen, küssen, streiten oder warten einfach nur, als ich den Bahnhofsplatz Richtung Haupteingang passiere. Ein verstärktes Polizeiaufgebot müsste es hier geben. Diese halten sich wohl verstärkt im Hintergrund, um die Stadtbevölkerung, die zu großen Teilen aus Fest-Touristen bestehet, keinesfalls durch 20k Heimatloser Ankömmlinge oder mutmaßlicher Bombendrohungen aus der Ruhe zu bringen.

Ein sauberer Bahnhof, beschäftigte Leute, verärgertes Murren über die planmäßig zu erwartenden Verspätungen und kein Anzeichen dessen, was sich vor einigen Stunden hier noch abgespielt haben mag. Ein Ort von Normalität. Ein Münchner Bahnhof. Der Münchner Hauptbahnhof.

Der momentane Strom scheint mit einem mal gestoppt? Deutschlang mach die Grenzen dicht - ist in großen dicken schwarzen Lettern einer Boulevardzeitung zu lesen. Macht, steht dort bei einem zweitem Blick auf die Titelschlagzeile.

Keine große Überraschung, ist der Strom der Betroffenen noch lange nicht erschöpft. Der momentane Ausnahmezustand ist lange nicht vorbei. Das, was an Schreckensmeldungen tagtäglich über unsere Bildschirme flimmert, während wir nach einem gemütlichen Abendessen, mit einem Stück Torte oder einem Bier entspannt in unserem Sessel sitzen, sitzt gerade vor unserer Haustüre. Aber der Bahnhof hier, gute Arbeit, muss ich sagen. Entfernt nur, kann ich mir vorstellen, ob und welchen Aufwand es bedurfte, den Bahnhof bis heute so alltagsgerecht gesäubert seinem Publikum zugänglich zu machen.

Verschwitzt komme ich nach Haus. Bei diesem verdammten Wetter, ist es beinahe unmöglich, sich richtig zu kleiden. Entweder verschwitzt, regennass vielleicht noch frierend läuft man dann in der Gegend herum und hat sich schnell mal einen Schnupfen eingefangen. Wenn das dann noch nicht ausreicht, artet das schnell noch zu einer Erkältung aus, nicht auszudenken. Schrecklich!

Wenn mir da nicht auch noch Seele, Geist und Herz wie verrückt einen Strich durch die Rechnung machen würden, Ruhe zu finden. Und ewig lock das Weib? Nein, das trifft es nicht, grinse ich besonnen meinen Spiegelbild entgegen. Vom Liebeskummer schwer gebeutelt, sucht Franz Rat bei Freud, der zum Trafikanten sagt:
Die Einsicht sei die Hebamme der Besserung. Da kann ich dich beruhigen. Erstens sind Sorgen in Bezug auf Frauen meistens dumm, aber selten klein. Und zweitens könnte man die Frage auch andersherum stellen: was hat das ganze verrückte Weltgeschehen überhaupt für eine Berechtigung neben deinen Sorgen?
Das liebe Weltgeschehen. Ob es wohl damals anders war? Mensch ist Mensch bleibt Mensch. Das Toilettenpapier geht längst dem Ende zu, sollte mich um Nachschub kümmern.

Gedankenverloren mache ich mich also auf den Weg. Hab doch was von einem Angebot gelesen, reduzierte iTunes Karten. Bestätigt gehe ich zufrieden weiter meines Weges. Die Einkaufspassage ist ein wenig voller als sonst. Laute Kinderstimmen, stoße auf erschöpfte, wartende Blicke. Vorbei an der Schokolade, keine Sorten die gern ich grade essen möchte und auch die Suche nach den Blumen-Zwiebeln, die so prächtig rot in meinem Garten einst geblüht, bevor sie im Winter von den :#€¢,$ Karnickeln ausgegraben und vernichtet war'n, finde keine ich. Also steure ich zur Kassa hin, wo wenigstens die Karten hängen.

Alle Schlangen gleich lang. Stelle mich an. Und auf eine längere Wartezeit ein. Statistiken belehren uns darüber, wofür wir im allgemeinen unserer Lebenszeit verwenden. 'Warten' besetzt da einen gar nicht kleinen Posten. Erschreckend!

Und dann belegt der Typ da an der anderen Kasse, die ganze Kasse. Eine interessante Erscheinung, jemand, der vielleicht nicht so gerne diskutiert, versucht den Kassierer davon zu überzeugen etwas zurückzunehmen. Es handelt sich scheinbar um eine Tetrapackung passierte Tomaten, die er hier zuvor gekauft hat.

Meine Schlange ruckelt langsam vorwärts, die Frau am Anfang versucht für einen Moment dem Herrn auf der anderen Seite in seiner Sprache den Umstand ein wenig zu erhellen, bevor sie zahlt und geht. Geht es nur um den Kassenbelegt? Die Einkaufstüten stehen vor ihm an die Kasse gelehnt. Der Kassierer lässt sich nicht aus der Ruhe bringen und bittet höflich, sich doch bitte im Deutschen mit ihm weiter auseinanderzusetzen, als ihm ein Schwall einer unverständlichen Sprache begegnet. Das Gespräch mit der Frau zuvor und eine gewisse verzweifelte Anspannung hat ihn wohl aus dem Konzept gebracht.

Dieser Situation wohnt etwas surreales inne. Bemerke nicht, wie ich gleich an der Reihe bin. Zögerlich, unwillig gar greife ich schnell nach der Wertkarte, lege sie auf das Band, zahle und gehe Richtung Drogerie.

Dort wo der zahlende Kundschaft auf ihrem Weg die heutigen Besorgungen erledigen zu können, nicht der Weg versperrt wird, liegen Schlafende auf Matratzen oder Schlafsäcken, sitzen an Rucksäcke oder einfach ihrem Nachbarn gelehnt, meist stumm, müde, auch oft schlafend. Noch, bietet dieser Ort hier eine gewisse Zuflucht vor dem nassen Wetter ausserhalb.

Mit dem Toilettenpapier bewaffnet, einem Klos im Hals und darüber nachdenkend, ob ich mich wenigstens nicht unterstützend in die vorherige Situation hätte einmischen sollen, ging es dabei um 1€ und 27cent, soweit ich das endlich auf den Kassenladen gelegte Geld im Vorübergehen habe zählen können, mach ich mich auf den Heimweg.

Ein bisschen von dem erlebt, was sich am Wochenende wohl sehr viel stärker zugetragen hat, stehe ich wieder auf der Brücke, blicke nach Rechts und Links und mache eine Lücke zwischen den Autos aus, um auf die andere Seite zu gelangen. Das Wetter hat mehr Autos auf die Strassen gebracht und mehr Menschen fahren heute mit S- und U-Bahn, wie es scheint.

3 Tage noch, dann wird ein exponentiell gesteigerter Menschenstrom die nächsten 2 Wochen diese Brücke in Atem halten. Allerdings wird ein wesentlich geordneteres Durcheinander zu berichten sein. Menschen die sich wankend, gemeinsam in Reih und Glied in schlangenförmigen Bewegungen Richtung Mast-Wiese schunkeln und später, ein bisschen neu formiert den selben Weg in gegensätzlicher Richtung suchen.

Ein logistisches Meisterwerk des begeisterten Ertränkens von mehr als 6.000.000 (im Schnitt 6.5 Millionen seit 2010) Freiwilliger aus der ganzen Welt. Und das alles in nicht mehr als 2 Wochen, in denen jeder, der es sich leisten kann, Momente von Freiheit, Spass, Spiel und Spannung erleben darf. Da fallen 20.000 Neuankömmlinge nicht weiter ins Gewicht.

Bislang hat sich durchaus eine spürbare Solidarität entwickelt.
Der ganzen Welt wurde es gezeigt, die Hand erhoben - Nein, so geht es nicht! Gemeinsam waren die Stimmen laut, wurden in sozialen Netzwerken Nationalpopulisten Paroli geboten.
Gemeinsam habe wir erkannt, dass etwas getan werden muss, sind zusammen am Ort des Geschehens aufgetaucht, haben Wasser, Brot und Windeln mitgebracht.
Diese Idee von Solidarität wird auch andernorts tatkräftig umgesetzt.
Hoffen wir, dass diese Solidarität bestehen bleibt.
Hoffen wir, dass diese Solidarität auch weiterhin bestehen bleibt, selbst wenn nicht jeder der selben Meinung ist. Hilfe ist nicht gleich Hilfe.
Hoffen wir, dass wir für unsere für Auffassen von Leben gerade stehen. Dafür gerade stehen, was verfassungsmäßig formuliert uns alle angeht.
Und wenn nicht jeder mitspielt, wie er sollte oder könnte, wir lassen uns nicht weiter verunsichern. Hoffentlich.
Gemeinsam stark. Als ein starkes Deutschland. Als ein starkes Europa.
Diese tumultartigen Zeit benötigt Ordnung.
Es wird eine Weile dauern, bis sich der Staub gelegt hat.
Dem Problem muss organisatorisch begegnet werden.
Das was sich in unseren Herzen bewegt und bewegt hat, das was wir für richtig halten, dafür müssen wir jetzt weiterhin geradestehen.
Gemeinsam standhaft bleiben.
Solidarisch, gemeinsam Stärke zeigen.
Der Feind hält nicht unbedingt den zerschmetterten Bierkrug in der Hand, während er die Andere zum Himmel reckt.


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